Pius Parsch – und die „Liturgische Bewegung“

Sankt Gertrud, Klosterneuburg
Sankt Gertrud

Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid,
habt Christus als Gewand angelegt.
(Gal 3,27)

Einen großartigen Experten in Sachen “Liturgie” durfte ich gestern kennenlernen:
Prof. Dr. habil. Andreas Redtenbacher feierte mit unserer Seminargemeinschaft die Hl. Messe. Unweigerlich führt die Begegnung mit einem Liturgen aus Klosterneuburg zu einem der ganz bedeutenden Mitglieder der „Liturgischen Bewegung“:
Pius Johann Parsch (* 18.05.1884 in Mähren, + 11.03.1954 in Klosterneuburg).

Pius Parsch spielt neben Abt Ildefons Herwegen von Maria Laach, Odo Casel und Romano Guardini in der „Liturgischen Bewegung“ ein große Rolle.
Von letzterem schreibt Joseph Kardinal Ratzinger im Vorwort zu seinem 1999 erschienen Buch „Der Geist der Liturgie“:

Eine meiner ersten Lektüren nach dem Beginn des Theologiestudiums zu Anfang des Jahres 1946 war Romano Guardinis schmales Erstlingsbuch „Vom Geist der Liturgie“, das zu Ostern 1918 […] erschienen war […]. Diese kleine Schrift darf man wohl mit Fug und Recht als den Aufbruch der Liturgischen Bewegung in Deutschland bezeichnen. Sie hat ganz wesentlich dazu beigetragen, dass die Liturgie in ihrer Schönheit, ihrem verborgenen Reichtum und ihrer die Zeiten überschreitenden Größe neu als beseelende Mitte der Kirche und als Mitte des christlichen Lebens entdeckt wurde. […] Man könnte sagen, dass die Liturgie damals – 1918 – in mancher Hinsicht einem Fresko glich, das zwar unversehrt bewahrt, aber von einer späteren Übertünchung fast verdeckt war: Im Messbuch, nachdem der Priester sie feierte, war ihre von den Ursprüngen her gewachsene Gestalt ganz gegenwärtig, aber für die Gläubigen war sie weithin unter privaten Gebetsanleitungen und –formen verborgen. Durch die Liturgische Bewegung und definitiv durch das II. Vatikanische Konzil wurde das Fresko freigelegt, und einen Augenblick waren wir fasziniert von der Schönheit seiner Farben und Figuren.“

Zurück nach Klosterneuburg:
Nach der Priesterweihe im Wiener Stephansdom 1909 war Pius Parsch zunächst 4 Jahre lang Aushilfspriester im 8. Wiener Bezirk. 1911 erwarb er das Doktorat an der Universität Wien. 1914/15 unterstützte er den Novizenmeisters und lehrte als Professor für Pastoraltheologie an der Phil.-Theol. Hauslehranstalt des Stiftes. Von 1915-1918 war er Feldkurat an der Ostfront und nahm anschließend seine früheren Ämter wieder auf. 1919 hielt er in Klosterneuburg seine erste Bibelstunde, seit 1921 veranstaltete er Liturgierunden und feierte 1922 unter Verwendung der deutschen Sprache die erste Gemeinschaftsmesse in der Kirche St. Gertrud, Klosterneuburg. Meßtexte und andere volksliturgische Schriften gab er im eigens gegründeten Verlag heraus und die »Volksliturgische Bewegung« konnte so Leben gewinnen.
Papst Pius X. hatte in seinem Motu Proprio „Tra le sollecitudini“ (22.11.1903) zum ersten Mal von der „actuosa communicatio“ bzw. Participatio actuosa, der tätigen Teilnahme der Gläubigen am liturgischen Leben der Kirche gesprochen. Dieser Fachbegriff fand später Eingang in die Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils „Sacrosanctum Concilium“ (04.12.1963).

Im Zuge seiner Erneuerungsbemühungen gründete Pius Parsch ergänzend dazu das Klosterneuburger Bibelapostolat (1950) und die Zeitschriften »Bibel und Liturgie« (seit 1926) und »Lebe mit der Kirche« (1928-52).
1933 war auf dem Wiener Katholikentag der Durchbruch der Betsingmesse gelungen, 1936 erfolgte der Umbau von St. Gertrud.
Um durch ein Kleidungsstück das Taufkleid zu aktualisieren als Ausdruck des Gekleidetseins in Christus selbst, hatte er vor dem Zweiten Weltkrieg in der Klosterneuburger Kirche St. Gertrud eingeführt, dass alle Teilnehmer an der hl. Messe ein liturgisches Gewandstück trugen: In Christus gehüllt wird eine „Epiphanie des Ich“ vermieden. Dies hat überhaupt nichts mit einer – natürlich ebenso zu vermeidenden – klerikaliserung laikaler Dienste im Gottesdienst zu tun.
1938 wurde das Heim St. Gertrud von den Nationalsozialisten geschlossen, 1941 das Stift Klosterneuburg aufgehoben.
Von 1941-46 wirkte Parsch als Seelsorger in Wien-Floridsdorf, kehrte 1946 in das Stift zurück und übernahm die früheren Ämter wieder. Kurz nach der Rückkehr von einem Festvortrag beim internationalen Eucharistischen Kongreß in Barcelona erlitt er einen Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholte.
Als Wegbereiter der volksliturgischen Bewegung hat er die biblisch-liturgische Erneuerung im deutschen Sprachraum und darüber hinaus popularisiert. Theologisch charakteristisch hat er an der Einheit von Bibel und Liturgie als Grundlage einer neuen christlichen Frömmigkeit, im Sinne einer »Gnadenfrömmigkeit« statt einer »Gebotsfrömmigkeit«, festgehalten.

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