Friede als Auftrag

San Egidio

San Egidio

Und alle, die gläubig geworden waren,
bildeten eine Gemeinschaft
und hatten alles gemeinsam.
Sie verkauften Hab und Gut
und gaben davon allen,
jedem so viel, wie er nötig hatte.
(Apg 2,44-45)

Italiens neuer Entwicklungshilfe- und Integrationsminister soll Andrea Riccardi werden. Im Herbst 2005 – meinem ersten Studiensemester – habe ich mich in einer kleinen Seminararbeit mit der Gemeinschaft San Egidio und ihrem Gründer Andrea Riccardi auseinandergesetzt:

„Prof. Dr. Andrea Riccardi wurde 1950 in Rom geboren und ist seit 1981 Universitätsprofessor. Nach seiner juristischen Promotion hatte er sich für Neuere Geschichte sowie die Geschichte des Christentums und Religionsgeschichte spezialisiert und lehrt an der Terza Università degli Studi di Roma („Dritte Universität“ in Rom). Vorherige Stationen waren an der Universität Bari und an der Universität Sapienza in Rom.

Sein wissenschaftlicher Ansatz beschränkt sich keineswegs auf die innerkatholischen Perspektiven und Herausforderungen. Die religionsgeschichtlichen Forschungen von Prof. Andrea Riccardi beschäftigen sich – vor dem Hintergrund detaillierter Recherchen und Analysen – mit unterschiedlichen religiösen Welten und konzentrieren sich dabei vor allem auf die Frage nach der Möglichkeit einer friedlichen Kohabitation diverser religiöser Traditionen im Mittelmeerraum im 19. und 20. Jahrhundert.

Seine Publikationsliste umfasst zahlreiche Monographien zu wichtigen Fragen der neuzeitlichen Kirchen- und Christentumsgeschichte.

Ein kirchengeschichtlicher Schwerpunkt der Arbeit von Prof. Andrea Riccardi liegt darüber hinaus in der historisch-kritischen Auseinandersetzung mit der gesellschafts- und kirchenpolitischen Bedeutung des Papsttums.

Innenpolitische Fragestellungen für die Kirche in Italien gehören ebenso zum wissenschaftlichen Werk des Historikers wie die geopolitische Bedeutung des Mittelmeerraums für die Frage nach einem friedlichen Miteinander der unterschiedlichen Religionen.

Besonderes Gewicht beanspruchen dabei Themen, die sich der vatikanischen Ostpolitik sowie dem Dialogs zwischen Christentum und Islam und Fragen der italienischen Kirchenpolitik widmen. Fast dreihundert Artikel dokumentieren Riccardis facettenreiches wissenschaftliches Interesse und seine profunde Kenntnis unterschiedlicher religiöser, kultureller und politischer Strömungen in Geschichte und Gegenwart.

Die schmerzhafte und leidvolle Konfliktgeschichte der Religionen und Kulturen – so lässt sich Riccardis wissenschaftliches Anliegen auf den Punkt bringen – muss und darf nicht das letzte Wort im interreligiösen Dialog sein. Vor dem Hintergrund der Vergewisserung der eigenen geistlichen und geistigen Identität des Christentums vertritt er ein programmatisches Konzept, das zum einen der eigenen theologischen Profilierung Rechnung trägt; zum anderen aber auch dem gesellschaftlichen Anliegen, dem vermeintlich unausweichlichen Kampf der Kulturen den Dialog der Religionen und Kulturen als konstruktives Alternativkonzept gegenüberzustellen.

Riccardis gesellschaftspolitisches Engagement ist von diesem geistlichen und geistesgeschichtlichen Hintergrund nicht ablösbar. Die friedensstiftende Kraft des Christentums wird von ihm gleichermaßen theoretisch begründet wie praktisch verwirklicht. Der stets geforderte Zusammenhang von Orthodoxie und Orthopraxie ist im Wirken Riccardis hervorragend und beispielhaft realisiert.

Aus theologischer Sicht besonders bemerkenswert ist die gelungene Vernetzung von wissenschaftlicher historischer Forschung und einer explizit christlichen Spiritualität.

Die produktive Symbiose von Theologie und Biographie schlägt die Brücke zu jener Institution, die Prof. Andrea Riccardi ‚von Anfang an begleitet und beseelt hat‘ , die er weit über die Grenzen der historischen Fachwissenschaft zu einer international bekannten und hoch geachteten Persönlichkeit gemacht hat: die „Comunità di Sant’Egidio“.

Entstehungsgeschichte

Es war 1968, das Jahr der Studentenrevolten auf der ganzen Welt, der beginnenden Gewalt gegen Sachen und Personen, der Attentate der Roten Brigaden und der Roten-Armee-Fraktion. Es gärte in einer Jugend, für die die alten Muster und Werte des Lebens in Politik und Gesellschaft, in Wirtschaft und Bankwesen ausgedient hatten. In der Kirche hatte gerade das Zweite Vatikanische Konzil die Fenster aufgestoßen und neuen Wind hineingelassen. Der selige Papst Johannes XXIII. hatte mit seiner Güte und Gelassenheit Vertrauen auf Gottes Führung vorgelebt. Da sammelte Andrea Riccardi im Oratorium der Chiesa Nuova, der Kirche des Hl. Philipp Neri Schüler des Liceo Vergílio um sich, um eine Revolution anderer Art zu beginnen, nämlich aus den guten Antrieben des Evangeliums Sozialarbeit in den armen, verkommenen Vorstädten Roms wie Primavalle und anderen zu machen, also in Stadtteilen, wo es keine Kindergärten und Schulen, keine Altenheime und Infrastruktur gab und die alten Mussolini-Bauten vergammelten. 1973, als die Gemeinschaft nach Sant’Egidio im römischen Stadtteil Trastevere kam, haben die jungen Leute begonnen, jeden Abend gemeinsam zu beten, das Evangelium zu lesen, zu hören und es ins Leben umzusetzen. Und dies setzte sich ohne Unterbrechung bis heute fort. In den Vorstädten, den römischen ‚Borgate‘, kümmerten sie sich um verlassene Kinder und organisierten Armenausspeisungen. Die Hilfe für Drogensüchtige, Stadtstreicher und Obdachlose kam bald dazu. Die Urgemeinde aus der Apostelgeschichte und der Heilige Franziskus von Assisi waren dabei die Vorbilder. Die Statuten der Gemeinschaft wurden 1986 vom Heiligen Stuhl anerkannt. Der Päpstliche Rat für die Laien sprach die Anerkennung als ‚öffentlicher Verein von Gläubigen‘ nach dem neuen Kirchenrecht aus. Ihr Gründungsfest feiert die Gemeinschaft jährlich am 7. Februar.“ …

Quelle u. Informationen: RICCARDI, Andrea, SANT’EGIDIO – ROM UND DIE WELT, Gespräch mit Jean-Dominique Durand und Régis Ladous, EOS Verlag Erzabtei St. Ottilien, 1999

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